Neujahrskonzert

HANS-PETER MANSER ÜBER DAS NEUJAHRSKONZERT 2017

No man is an island.
John Donne, 1623

Niemand wird behaupten wollen, 2016 gehe als eines der konstruktiveren Jahre in die Annalen der Geschichte ein. Kriege eskalierten, alte, tot gehoffte, autoritäre, pluralitäts- und fremdenfeindliche Geisteshaltungen feierten global ein Comeback, von dem auch Österreich nicht verschont blieb. Das Anwachsen von Angst, Hass, Irrationalität, Spaltung sowie Abschottung, mangelnde Nächstenliebe, Egoismus, Beschränkungen der Grundfreiheiten, Verlust von (Gesprächs)Kultur etc. zeichnen die Gegenwart aus.

Jedes Jahr feiern wir Neujahr – Neujahrskonzerte weltweit – mit der Hoffnung, das kommende Jahr würde ein besseres als bzw. gleich gutes werden wie das vergangene. Ob das für 2017 in Erfüllung gehen wird? Die Karten sind relativ schlecht. Umso wichtiger ist es daher, bereits jetzt aktiv, offen und intelligent für ein gutes, neues Jahr zu kämpfen.

Die Programmierung eines Neujahrskonzerts des JSO geschieht mehr als ein Jahr zuvor. Bereits Ende 2015 war klar, was im Jänner 2017 gespielt werden wird. Für 2018 wird jetzt gerade das Programm erarbeitet. Umso erstaunlicher ist es, wie passgenau die Werke des kommenden Konzerts die derzeitige Weltlage reflektieren.

Aaron Copland ist zweifelsohne einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Keinem gelang es besser als ihm, die heute als typisch amerikanisch empfundene Musik zu schaffen, von der alle seine Epigonen bis herauf zu aktuellen Filmmusik- oder Kunstmusikkomponisten Anleihen nahmen. Das Bemerkenswerte an der Sache ist allerdings, dass das typisch amerikanische Idiom keine rein »weiße« Musik ist (vergleichbar etwa mit der Genese der Jazzmusik Ende des 19., Anfang des 20. Jhdts.), sondern aus einer kunstvollen Verschmelzung mexikanischer, indianischer, karibischer sowie europäischer Musik besteht. Die typische Musik der USA ist eindeutig ein Resultat der Interessiertheit und Offenheit fremden Kulturen gegenüber, des Respekts und der Toleranz für anderes, Altes wie Neues. Es bleibt zu hoffen, dass der Geist, der durch das Werk Aaron Coplands, George Gershwins, Leonard Bernsteins, Samuel Barbers und aller anderen hörens- und spielenswerten amerikanischen KomponistInnen weht, auch in Zeiten, in denen zu befürchten ist, dass sich die USA in autoritäres, unberechenbares Hegemoniedenken, in Xenophobie und Radikalismus flüchtet, nicht verstummt.

Weltweit wird Neujahr mit der Musik von Johann Strauss und seiner Verwandten gefeiert. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, als Josef Göbbels Johann Strauss als den »deutschesten aller Komponisten« bezeichnet hat, und dafür die jüdische Abstammung der Straussfamilie geheimhalten musste. Überhaupt Abstammung: Gehen wir die österreichischen Komponisten durch: Mozart, Beethoven und Brahms sind deutsche Einwanderer, Schubert ist ein Kind mährischer Immigranten, Gustav Mahler stammt aus Tschechien, Franz Schmidt aus der Slowakei, Franz von Suppé aus Kroatien. Franz Léhar und Emmerich Kálmán sind Ungarn. Wolfgang Korngold (*Brünn), Max Steiner, Alexander von Zemlinsky u.a. mussten ebenso emigrieren wie Arnold Schönberg. Die Liste könnte fortgesetzt werden, aber zurück zur Wiener Musik von J. Strauss: Die typisch österreichische Musik ist ebenso ein Schmelztiegel wie die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts: alpine Jodler, Ländler und Zwiefache, die italienische Tarantella, der ungarische Czardasz, die mährische Polka, die polnische Mazurka, der Deutsche Tanz, die Musik der französischen Opéra Comique – auch hier kann die Liste fortgesetzt werden – verschmelzen in der Genialität eines Johann Strauss mit der Ästhetik der mitteleuropäischen Kunstmusik, dem Schubertlied, der Oper. Die Musik Johann Strauss’ ist die Musik Europas.

Max Nagl geht über hundert Jahre später in seiner Auftragskomposition noch weiter. Sein für uns geschriebenes musikalisches Meisterwerk vereint nicht nur die Volksmusiken der Gegend und Jazz zu großer Kunstmusik, nein, er beweist, dass sogar die Strömungen des 20. Jahrhunderts – Klangflächen, Neoklassizismus, neue Sachlichkeit, Minimalismus, Rock, Techno, etc. – mit den großen traditionellen Kompositionstechniken der europäischen Musikgeschichte vereinbar sind und dabei wieder ein einzigartiges Ergebnis zeitigen, welches sich für kommende Komponisten als beflügelnd erweisen wird.

Die typisch österreichische Musik eines Johann Strauss (oder aktuell eines Max Nagl) muss also verstanden werden als die Musik eines grenzenlosen, offenen Europas und einer dankbaren gegenseitigen Berührung, Bildung und Befruchtung. Sie ist der beste Beweis, dass ein globales, angst- und vorurteilsfreies, menschenfreundliches, gebildetes und altruistisches Miteinander im Geiste der Freiheit und Brüderlichkeit etwas entstehen lässt, das als Ganzes die Summe seiner Teile bei weitem überflügelt und jene neue Schönheit für die Ewigkeit schafft, die wir im Endeffekt als unsere Kultur wahrnehmen werden. Vielleicht ist das die unbewusste Hoffnung, die Menschen rund um den Globus alljährlich zum Donauwalzer tanzen lässt.

In diesem Sinne: Wir haben die Wahl. Lassen wir uns für die gemeinsame Arbeit an einem besseren neuen Jahr beflügeln!