HANS-PETER MANSER

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Eigentlich wollte ich ja Keyboarder in einer Rockband werden – die Elektronik, die Knöpfe, die Klänge, das Leben, perfekter Plan! Allerdings erlitt mein Ansinnen einen entscheidenden Dämpfer, als mich der damalige Direktor der Musikschule Dornbirn auf meine Musikalität abklopfte. Ich musste vorsingen, Rhythmen klatschen, Akkorde hören, schwitzen, das Übliche, woraufhin er meinte, ich sei viel zu musikalisch für so eine Rockerkarriere, ich solle doch Horn lernen. Horn! Waldhorn! Echt jetzt? Kiefersperre. Aber was will man machen als minderjähriger Bregenzerwälder … Also begann ich auf einem patinagrünen, zerbeulten Etwas, einer altägyptischen Grabbeigabe aus dem Archiv der örtlichen Blaskapelle, herumzuüben. Welch Niederlage!

Das Instrumentarium erfuhr zum Glück bald ein Update – und nicht nur das! Sobald ich am Horn halbwegs zielsicher in die Höhe und in die Tiefe kam, wurde ich Mitglied des damals legendären Jugendsymphonieorchesters Dornbirn. Und das war besser als jede Rockband! Konzerte, Tourneen, Feste bis in die Morgenstunden, Freundschaften fürs Leben. Ich ging zwar nebenbei zur Schule, Gymnasium und so, aber Erinnerungen habe ich daran quasi keine mehr – dazu war dieses Orchester ein zu intensives Erlebnis. Eines wurde mir jedoch recht bald bewusst: Es ist viel interessanter und wirkmächtiger, da vorne zu dirigieren als da hinten in der vierten Reihe zu sitzen, Takte zu zählen und zu hoffen, die Töne zu erwischen, die in den Noten stehen. Ich musste Dirigent werden. Also ab nach Wien.

Das hieß: Am Konservatorium Horn und Dirigieren studieren, an der Hauptuni Philosophie und Theologie. In dieser Zeit kam ich zum nächsten extrem prägenden Orchester: dem Gustav Mahler Jugendsymphonieorchester. Jugendliche aus ganz Europa, open minded, die schönste, größte Musik der Welt, Partys in Fünfsternehotels und ich als Dirigent dabei: das war großes Tennis!

Auch wenn ich danach so ziemlich alles dirigiert habe, was ich ergattern konnte – Kurorchester, Auslandstourneen, Musical, Chöre, Amateur- und Profiorchester –, ich wusste, was ich nicht wollte: Routine, Herunternudeln, unterprobtes Zeug. Da ich mit dieser Meinung nicht alleine war, gründeten Freunde von mir und ich das Kammerorchester »Feuerhaus« und begannen das zu tun, was »Klassiker« normalerweise niemals tun können: Wir spielten mit Jazzmusikern, komponierten unsere eigenen Werke, konzertierten in Discos, in Jazzclubs und auf Festivals. Leider gingen wir nach ein paar Jahren pleite. Trotz unserer Latexkleidung. Wir waren zu früh dran mit dem extravaganten Konzept. Und Management–Pflaumen.

Wie ich Jahre später das Angebot erhielt, das JSO Tulln zu übernehmen, war für mich sonnenklar, was das werden muss: ein Orchester von Jugendlichen für Jugendliche! Kein Nebenfach an einer Musikschule, sondern das Ziel des Musizierens überhaupt! Ein Orchester, das zu einer Tätowierung für jeden wird, der sich darauf einlässt. Ein Orchester, das nichts anbrennen lässt, ein musikalisches, soziales, intellektuelles und emotionales Zentrum. Ich arbeite daran.